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Zum Chartverlauf
EIX (Edison International) ist heute um rund 23–24% eingebrochen — der größte Tagesverlust seit über 25 Jahren, Kurs fiel auf etwa 53–54 $. Grund ist eine gescheiterte Gesetzesinitiative in Kalifornien zur Waldbrand-Haftung:
Was erwartet wurde: Gouverneur Gavin Newsom hatte im Rahmen des Senate Bill 492 mehrere Schutzmaßnahmen für Versorger vorgeschlagen, darunter vor allem eine Haftungsobergrenze von 6 Mrd. USD pro Schadensfall, einen Mechanismus zur Wiederauffüllung des staatlichen Wildfire Fund, die Aufhebung der 2028 auslaufenden Regelung sowie eine Klausel, die Versicherern verbietet, Versorger wegen Waldbrandschäden zu verklagen (sog. „Subrogation“-Verbot).
Was tatsächlich passiert ist: Das am Wochenende verabschiedete Gesetz strich genau diese Schutzmechanismen komplett. Insbesondere die Haftungsobergrenze und das Klageverbot für Versicherer fielen weg. Stattdessen wurden nur kleinere Kompromissmaßnahmen beschlossen (Beschränkungen bei Anwaltsgebühren in Waldbrandklagen, mögliche Bonuskürzungen für Manager in Jahren, in denen ihr Versorger einen Brand verursacht) — das wiegt die fehlende Haftungsdeckelung aber bei Weitem nicht auf.
Warum das für EIX so gravierend ist: Damit bleibt Edison einem praktisch unbegrenzten finanziellen Risiko aus Waldbrandklagen ausgesetzt, statt einer kalkulierbaren Obergrenze. Konkret laufen bereits über 30.000 Schadensersatzforderungen und rund 775 Mio. USD an bereits angebotenen Entschädigungen über das unternehmenseigene „Wildfire Recovery Compensation Program“ (im Zusammenhang mit dem Eaton Fire). Versicherer können den Versorger weiterhin per Regress (Subrogation) in Anspruch nehmen.
Marktreaktion: Mizuho stufte die Aktie von „Outperform“ auf „Neutral“ herab und senkte das Kursziel von 86 $ auf 70 $; Wells Fargo bestätigte „Underweight“ wegen der ungeklärten Eaton-Fire-Haftung. Zudem warnte das Management vor einer „starken Wahrscheinlichkeit“ von Rating-Herabstufungen für kalifornische Versorger in den kommenden Tagen, was die Investment-Grade-Einstufung und damit die Finanzierungskosten von EIX gefährden könnte. Auch PG&E (ebenfalls stark exponiert gegenüber diesem Gesetz) brach parallel um rund 18% ein.
Kurz gesagt: Der Markt preist jetzt ein praktisch unbegrenztes, zeitlich unbefristetes Waldbrand-Haftungsrisiko für Edison neu ein, nachdem die erhoffte gesetzliche Absicherung ausgeblieben ist.
Wieso reagiert der Markt so nervös?
Hier gibt es bereits ein „RoleModel“ von PG&E
2001: PG&E meldete während der kalifornischen Energiekrise (ausgelöst durch die Strommarktderegulierung und explodierende Großhandelspreise, die PG&E nicht an die Endkunden weitergeben durfte) Chapter-11-Insolvenz an. Das Unternehmen kam 2004 aus dem Verfahren heraus.
2019: Nach den verheerenden Waldbränden 2017/2018 in Nordkalifornien — insbesondere dem Camp Fire 2018 (das durch defekte PG&E-Übertragungsleitungen ausgelöst wurde und mit 85 Toten die tödlichste Waldbrandkatastrophe in der US-Geschichte war) — sah sich PG&E mit geschätzten 30 Mrd. USD an Haftungsansprüchen konfrontiert und meldete im Januar 2019 erneut Chapter 11 an. Das Unternehmen verließ das Verfahren im Juli 2020 mit einem Reorganisationsplan, der u. a. einen 13,5-Mrd.-USD-Fonds für Waldbrandopfer (teils in bar, teils in PG&E-Aktien) sowie die Teilnahme am neuen staatlichen Wildfire Fund vorsah.
Das erklärt auch, warum der Markt bei der aktuellen Situation so nervös reagiert: Genau dieser Wildfire Fund und die zugehörigen Haftungsbegrenzungen waren nach 2020 als strukturelle Lösung gedacht, damit sich ein Szenario wie 2019 nicht wiederholt. Dass das aktuelle Gesetz (SB 492) die erhoffte Haftungsobergrenze nun gerade nicht bringt, lässt bei Investoren offenbar genau die Erinnerung an dieses Insolvenzszenario wieder aufleben — daher auch der Vergleich in der Berichterstattung, dass PG&E stärker exponiert sei (18% Kursverlust) als Edison, aber beide in dieselbe Kerbe treffen.
Was passierte damals mit den Aktionären?
2019er Chapter 11
- Kursverfall: Die Aktie notierte vor dem Camp Fire (November 2018) noch bei rund 46–48 USD. Am 14. Januar 2019, als PG&E die bevorstehende Insolvenzanmeldung ankündigte, brach der Kurs an einem einzigen Tag um 52% ein. Im weiteren Jahresverlauf 2019 und bis in die Insolvenzabwicklung 2020 fiel die Aktie zeitweise auf einen niedrigen einstelligen Dollarbereich.
- Massive Verwässerung: Der im Juni 2020 bestätigte Reorganisationsplan sah vor, dass rund 22,19% der neuen Stammaktien direkt an den Fire Victim Trust (den Entschädigungsfonds für die Waldbrandopfer) ausgegeben wurden – zusätzlich zu weiterem frischem Eigenkapital, das zur Finanzierung des Plans aufgenommen wurde. Das verwässerte die bestehenden Alt-Aktionäre erheblich.
- Nachrangigkeit im Insolvenzverfahren: Wie in jedem Chapter-11-Verfahren üblich, standen die Aktionäre in der Rangfolge ganz hinten – zuerst wurden Gläubiger und Waldbrandopfer bedient, erst danach der verbleibende Wert den Alteigentümern zugewiesen.
- Kein Totalverlust, aber jahrelange Underperformance: Anders als bei vielen Chapter-11-Fällen wurden die PG&E-Aktionäre nicht komplett ausradiert – sie behielten eine (stark verwässerte) Beteiligung an der reorganisierten Gesellschaft. Nach dem Verlassen des Verfahrens im Juli 2020 pendelte die Aktie zunächst um 9–11 USD, blieb aber über Jahre deutlich unter ihrem Vorkrisenwert und wurde von Analysten noch lange als „weiterhin schlechtes Investment“ bezeichnet, u. a. wegen neuer Waldbrandrisiken (z. B. Dixie Fire 2021) und weiterer regulatorischer Unsicherheit.
Meine Optionen
Erst mal einordnen, was hier strukturell passiert ist: Der Deal zwischen Newsom und dem Parlament ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht final verabschiedet – die Abstimmung über SB 492 soll erst in der kommenden Woche erfolgen, es besteht also theoretisch noch (geringer) Spielraum. Wichtiger aber: Senator Josh Becker sagte explizit, dass eine strukturelle Reform der Versorger-Haftung „Zeit braucht“ und man in dieser Legislaturperiode dafür „keine Zeit mehr hatte“ – es wird davon ausgegangen, dass eine echte Lösung erst „unter einem zukünftigen Gouverneur“ kommen könnte (Newsom ist quasi auf dem Absprung). Das heißt: Wer auf eine baldige Nachbesserung hofft, sollte das eher als Mehrjahres- statt Wochen-Thema einordnen. SCE selbst äußerte sich „enttäuscht“, dass keine umfassende Reform zustande kam.
Vor diesem Hintergrund gibt es ja einige konkrete Reaktionsmöglichkeiten
1. Abwarten und beobachten, bevor man überhaupt reagiert. Die eigentlich entscheidenden nächsten Datenpunkte sind: die finale Abstimmung über SB 492 in der kommenden Woche, mögliche Reaktionen der Ratingagenturen (Wells Fargo erwartet „in den kommenden Sitzungen“ Kommentare/Herabstufungen), und wie sich der Fortschritt bei der Regulierung der Eaton-Fire-Ansprüche entwickelt. Ein 24%-Tagesverlust ist ein starkes Signal, aber ohne diese Folgedaten ist unklar, ob der Markt über- oder angemessen reagiert hat.
2. Position und Kostenbasis nüchtern bewerten. Wie groß ist der Anteil an EIX/PG&E am Gesamtportfolio? Liegt man noch im Gewinn oder bereits im Verlust? Das beeinflusst auch steuerliche Überlegungen (z. B. Tax-Loss-Harvesting, falls man in Verlustposition ist und die Position ohnehin reduzieren möchte).
3. Dividendensicherheit prüfen. Bei potenziellen Rating-Herabstufungen steigen die Fremdkapitalkosten, was mittelfristig Druck auf Cashflow und Dividendenpolitik ausüben kann – das war 2019 bei PG&E ein zentraler Faktor (Dividendenstreichung vor der Insolvenz). Es lohnt sich, in den nächsten Quartalsmitteilungen gezielt auf Kommentare zur Dividende zu achten.
4. Verwässerungsrisiko im Blick behalten. Sollten Ratingagenturen tatsächlich herabstufen oder die Liquidität angespannt werden, könnten Kapitalerhöhungen (frisches Eigenkapital) nötig werden – genau der Mechanismus, der 2019 bei PG&E zur Verwässerung der Alt-Aktionäre führte. Ankündigungen einer Kapitalerhöhung wären ein klares Warnsignal.
5. Die Position grundsätzlich behalten, aber das Risiko begrenzen: Teilverkauf/Trimmen der Position, ein Stop-Loss- bzw. Kursalarm-Niveau festlegen, oder – bei entsprechendem Options-Zugang – eine Absicherung über Puts, falls Sie die Position grundsätzlich halten, aber gegen weitere Abwärtsrisiken absichern möchten.
6. Falls Sie eher antizyklisch denken: Manche Investoren sehen in solchen regulatorisch getriebenen Panikreaktionen auch Gelegenheiten, sofern man überzeugt ist, dass der Markt das Tail-Risiko überschätzt und eine spätere Regulierungslösung (wenn auch mit Verzögerung) kommt – das ist aber explizit eine Wette auf einen ungewissen politischen Ausgang über mehrere Jahre, kein sicherer Fakt.